Hass im Internet und was man dagegen tun kann

„Hass im Internet“ und was man dagegen tun kann
Interview mit Ingrid Brodnig, Tom Wannenmacher und Karsten Gulden

  • eine Journalistin - Ingrid Brodnig - Autorin des Buches "Hass im Netz. Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können"
  • ein Fake-Jäger - Tom Wannenmacher - Autor des Buches "Die Fake-Jäger – Wie Gerüchte im Internet entstehen und wie man sich schützen kann"
  • ein Anwalt - Karsten Gulden - Rechtsanwalt LL.M. und Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht

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Ingrid Brodnig Tom Wannenmacher Karsten Gulden
Ingrid Brodnig Tom Wannenmacher Karsten Gulden

Was sind die Gründe für den Hass im Internet?

Ingrid Brodnig(Ingrid Brodnig): „Ich sehe drei wesentliche Aspekte: Die sogenannte Unsichtbarkeit, also dass man im Netz sein gegenüber nicht sieht und nonverbale Signale wie Augenkontakt fehlen (die nachweislich die Empathie fördern). Zweitens die Echokammer, also dass es online sehr leicht ist, sich einseitig hauptsächlich mit Gleichdenkenden auszutauschen – das erleichtert eine Radikalisierung und auch das Verbreiten von Falschmeldungen. Drittens gibt es die Problematik, dass es laute oder gar aggressive Stimmen im Netz sehr viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen: Sie ernten besonders viele Likes und Kommentare und der Facebook-Algorithmus gibt jenen Beiträgen, die viel „Interaktion“ aufweisen, auch mehr Reichweite.“

Gibt es typische Hater?

(Ingrid Brodnig): „Ich unterscheide zwei Gruppen, die für besonders viel Leid im Netz verantwortlich sind: Trolle und Glaubenskrieger. Während Trolle auf Provokation aus sind und sich daran erfreuen, wenn sie andere Menschen auf die Palme bringen oder seelisch verletzen, sind Glaubenskrieger ideologischer. Sie glauben an eine „Wahrheit“ und wollen diese – leider auf aggressive Weise – durchsetzen. Sie sind oft daran zu erkennen, dass sie Andersdenkende als „verblendet“, „naiv“ oder gar als „Lügner“ bezeichnen – und diese mit einer rauen Tonalität auch aus der Diskussion wegmobben versuchen.“

Wird der Hass als digitale Waffe eingesetzt? Wenn ja, wie?

Ingrid Brodnig(Ingrid Brodnig): „Ja. Wir können einige aggressive Strategien beobachten: Etwa „Silencing“ – also aggressives Vorgehen, das dazu führt, dass sich Andersdenkende nicht mehr zu Wort melden wollen. Auch die zunehmende Verbreitung von Halbwahrheiten und Falschmeldung ist oft kein Zufall, sondern politisch motiviert. Eventuell kann ich auch aggressive Worte ansprechen, deren Ziel die De-Legitimation des Gegenübers ist. Das konnten wir zum Beispiel in der Flüchtlingsdebatte sehen, als Worte wie „Bahnhofsklatscher“ aufkamen – das Ziel solcher Begriffe ist es, den Einsatz und die Empathie anderer Menschen ins Lächerliche zu ziehen.“

Gibt es Unterschiede in den sozialen Netzwerken (wird bspw. auf Facebook mehr gehasst als auf Twitter?

Ingrid Brodnig(Ingrid Brodnig): „Quantitativ wird auf Facebook sicher mehr gehasst – das liegt eben daran, dass Facebook die vorrangige Webseite zur digitalen Kommunikation geworden ist. Qualitativ ist das leider nicht so leicht zu vergleichen: Twitter ist immer wieder extrem schlecht im Umgang mit Hasskommentaren geworden. Wir nehmen das nur im deutschsprachigen Raum nicht so stark wahr, weil hierzulande Twitter eher ein Nischenprogramm ist. In Ländern, in denen Twitter mehr zum Mainstream gehört, hat es etliche Male extrem schlecht auf „Hate Speech“ reagiert: Zum Beispiel nahm im heurigen US-Wahlkampf der Antisemitismus in den USA extrem zu und Twitters Antwort darauf ist äußerst enttäuschend. Insgesamt würde ich sagen, dass die technische Infrastruktur Facebooks etwas besser ausgerichtet ist gegen Hasskommentare als Twitter: Denn dort hat man als Seitenbetreiber mehr Moderationsmöglichkeiten und insgesamt sind Facebook-Profile so designt, dass sie sehr menschlich und persönlich wirken sollen. Es ist zum Beispiel auch extrem klug, dass Facebook nie den „Daumen runter“-Knopf eingeführt hat – insgesamt hat Facebook also einige sehr kluge technische Rahmenbedingungen eingeführt, die Menschen motivieren sollen, freundlich zueinander zu sein. Aber wie wir sehen können, ist das leider oft nicht genug, um Hass und Hetze aufzuhalten.“

Was kann man als Nutzer tun, wenn man Hass im Netz entdeckt? / im Umgang mit dem Hass im Internet raten?

Ingrid Brodnig(Ingrid Brodnig): „Ich finde einen Aspekt besonders wichtig: Sich nicht vom Hass anstecken lassen. Die erste logische Reaktion auf Aggression ist ja, selbst aggressiv zu werden. Aber genau das wollen provokative Nutzer ja auslösen: Sie wollen, dass die Debatte entgleitet. Eine der beeindruckendsten Reaktionsmöglichkeiten auf Hass ist hierbei Humor: Er zeigt, dass man sich nicht so leicht in Wut oder gar Rage versetzen lässt, dass man Lachen kann, obwohl einen jemand den Tag vermiesen oder gar fertigmachen will. Humor ist auch eine Möglichkeit, Diskussionen wieder zu beruhigen.

Welche Gefahren gehen von Falschmeldungen aus?

Tom Wannenmacher(Tom Wannenmacher): Zum einen schüren Sie Angst und verunsichern Nutzer. Falsche Gerüchte zu posten oder zu verbreiten kann Hetze gegen bestimmte Gruppen und selbst Rassismus fördern. Es besteht jedoch aber auch die Gefahr, sich selbst äußerst dumm dastehen zu lassen. Mit einer Falschmeldung wird auch unnötige Panik ausgelöst und kann unschuldigen Menschen persönlichen Schaden zufügen. Des Weiteren können Falschmeldungen die Polizeiarbeit erschweren und es findet generell eine Desensibilisierung bzw. Übersensibilisierung statt. Eine Falschmeldung kann auch Triibrettfahrer dazu animieren ebenfalls Fakes in die Welt zu setzten. Leider werden wir diese Meldungen nie wieder vollständig verschwinden lassen könne, aber mit ein bisschen Mitdenken kann jeder helfen die Nachrichtenmenge zu reduzieren.

Wie können Fakes erkannt werden?

Tom Wannenmacher(Tom Wannenmacher): Es gibt verschiedene Arten von sogenannten „Fakes“. Das beginnt bei Fake-Profilen auf Facebook und endet bei Fake-Empfehlungen für Online-Shops. Die Spanne sogenannter Fakes ist hier nahezu unendlich. Aber das Ziel eines Fakes / Hoaxes ist es meist falsch zu informieren, der Nutzer aber soll es für wahr halten.

Woran lassen sich Falschmeldungen erkennen:

Es gibt natürlich kein einfaches Schema F, dass auf alle Hoaxes zutreffen würde. Das hat u.a. damit zu tun, dass der Inhalt verschiedener Falschmeldungen unterschiedliche Ziele verfolgt. Es gibt allerdings einige Indizien, die charakteristisch sind und in vielen Verwendung finden.

Wie z.B.

  • Dringend/Warnend
  • Nicht nachprüfbar
  • Akute Gefahr
  • Aufforderung zu Teilen

Wie können sich Hass-Opfer rechtlich zu Wehr setzen?

Karsten Gulden(Karsten Gulden): Im ersten Schritt sollten die Opfer den Rechtsverstoß dokumentieren (z.B. mit dem Smartphone abfotografieren oder einen Screenshot anfertigen). Dann sollten die Betroffenen Facebook den Verstoß melden. Facebook reagiert mittlerweile recht zügig.

Die Opfer sollten dann zur Polizei gehen und die Hasspostings zur Anzeige bringen. Dies kann man auch anonym machen. Es gibt mittlerweile spezielle Online-Wachen der Polizei, die mit den zunehmenden Hasspostings vertraut sind. Zuletzt können die Opfer dann überlegen, ob sie gegen die Täter auch zivilrechtliche Schritte einleiten wollen. Dies ist möglich, wenn sich der Hasskommentar gegen einen selbst richtet. Beispiel: Man wird beleidigt („Du Hurensohn“). Bei besonders schwerwiegenden Persönlichkeitsrechtsverletzungen können die Opfer von den Tätern auch eine Geldentschädigung verlangen.

Wann sollten Opfer zur Polizei gehen?

Karsten Gulden(Karsten Gulden): Hass-Opfer sollten spätestens dann rechtliche Schritte einleiten oder zur Polizei gehen, wenn die Täter Straftaten begehen. Zu den häufigsten Straftaten, die im Netz begangen werden, zählen Beleidigungen, Volksverhetzungen, Verleumdungen und Bedrohungen. Wer sich unsicher ist, ob eine dieser Straftaten vorliegt sollte im Zweifel dennoch zur Polizei gehen, damit eine breitflächige Verfolgung der Täter möglich ist.

Nun muss nicht jeder Kommentar, in dem das Wort „Arschloch“ – (mgl. Beleidigung) fällt, zur Anzeige gebracht werden, aber die Erfahrung zeigt, dass Beleidigungen oft der Nährboden für die Begehung weiterer Straftaten sind. Daher plädiere ich bspw. für eine Null-Toleranz-Grenze, wenn es um Volksverhetzungen geht. Das hat dann nichts mehr mit freier Meinungsäußerung zu tun und sollte in keinem Fall toleriert werden.

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